Was bedeutet Schreiben für mich?
Bereits als Kind starrte ich aus dem Fenster, stellte mir vor, dass ich nur meine Arme ausbreiten müsste. Etwas wedeln und schon nahm mich der Wind mit. Die Welt von oben war faszinierend und ich sah sie mir mit einem Lächeln auf den Lippen an.
Mit einem Brieffreund philosophierte ich ein Jahr lang. Es entstanden Worte und Sätze, die tief aus meinem Inneren kamen. Das war der erste Flow, den ich damals noch nicht kannte.
Was ist ein Flow?
Flow heisst übersetzt fliessen. Ich mag zudem die Bedeutung: völlige Versunkenheit in eine Tätigkeit. Wir alle besitzen einen Kreativmuskel, der wie alle Muskeln trainiert werden muss, bevor er Hochleistung erbringen kann. Wenn ich regelmässig schreibe, auch wenn es nur 15 Minuten am Tag sind, wird dieser Muskel angeregt. Ein leeres Blatt löst keine Angst mehr aus, denn wie beim Marathon fliessen die Gedanken, die Worte zu Papier. Das ist für mich das absolute Glücksgefühl. Diese Momente treffen mich unvorhersehbar. Sei es in einer Bar in Dublin, wo mir der Barkeeper die Rolle aus der Kasse herauszog, weil ich eiligst Papier benötigte. Oder nachts, als ich aufwachte und eine Kurzgeschichte im Kopf hatte. Schnell diktierte ich sie in mein Handy. Zum Glück, denn am Morgen wusste ich kaum noch etwas und war nach dem Hören meiner Worte überrascht, wie durchdacht die Geschichte war.
Kann jeder schreiben?
Meiner Meinung nach ja. Jeder kann schreiben, der es möchte und Fantasie hat. Der Rest, das Schreibhandwerk, ist erlernbar. Wer einen Marathon laufen will, muss trainieren und das Handwerk braucht man, um aus einer Geschichte eine gute zu machen. Es ist wie das Leben, man lernt aus Fehlern und mit der Zeit. Innerhalb einer Woche einen Bestseller zu schreiben ist unmöglich, aber eine Kurzgeschichte ist machbar.
Was ist für mich das Faszinierende an einer Kurzgeschichte?
Es kostet mich wenig Zeit, sie zu lesen. Als Reiseleiterin bin ich oft unterwegs, als Lektorin beschäftige ich mich bereits sehr viel mit Texten, daher ist eine kurze Geschichte zur Entspannung genau richtig.
Wie gehe ich beim Schreiben einer Kurzgeschichte vor?
Zuerst kommt die Idee. Dafür gibt es verschiedene Methoden. Unterhaltungen fremder Menschen in Cafés, in Zügen, im Supermarkt, Bruchstücke von Sätzen regen meine Fantasie an. Warum hat der ältere Herr einen Regenmantel an, wenn draussen die Sonne scheint? Wieso sieht die Frau den Mann nicht an, der ihre Hand zärtlich streichelt? Haben sie Streit? Meist setzen sich in meinem Kopf die einzelnen Puzzleteile rasch zusammen und ich lege die Hauptfigur fest.
Aber auch Bilder erzählen Geschichten und das Faszinierende daran ist, dass jedem etwas anderes dazu einfällt.
Ich mache mir Gedanken über die Atmosphäre. Möchte ich eine traurige, eine spannende, eine lustige oder eine emotionale Geschichte schreiben?
Danach überlege ich mir einen Twist. Das macht mir am meisten Spass: die Leser:innen zu überraschen: mit einem Ende, das niemand erwartet.
Ich liebe es, mir mit anderen gemeinsam Geschichten auszudenken. Vor allem mit Kindern ist das lustig, sie haben die fantastischsten Ideen.
Bereits jetzt bin ich sehr neugierig, was für Kurzgeschichten auf der Schreibreise in Scheveningen, Niederlande, im Herbst entstehen werden. Nur Mut, Ideen finden sich überall und wir werden verschiedenen Methoden ausprobieren. Nur etwas Fantasie und Freude am Schreiben sollte man mitbringen.
Zum Abschluss ein Beispiel meiner besonderen Vorliebe: Drabbel. Geschichten in exakt 100 Wörtern.
Abschied von Stephanie Vifian:
»Nein, ich kann wirklich nicht länger bei dir bleiben.«
»Liebst du mich denn gar nicht mehr?«
»Wie kommst du darauf? Sicher liebe ich dich noch.« Lukas gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie klammerte sich an ihn und schluchzte. »Ich mache uns heute Abend Kohlrouladen, die magst du doch so, dein Lieblingsessen.«
Das war Bestechung. »Es tut mir leid, aber ich kann nicht länger mit dir zusammenwohnen.«
»Bitte, bleib, ohne dich werde ich einsam sein.«
»Caro und ich ziehen zusammen, wir lieben uns und werden heiraten. Ich bin dreissig Jahre alt, Mama und es ist Zeit, dass ich ausziehe.«
Vielleicht sehen wir uns ja schon im kommenden Herbst in Scheveningen. Lasst uns Geschichten entdecken, den Kreativmuskel stärken und eine inspirierende gemeinsame Zeit haben. Ich freue mich auf euch.
Geschrieben von Stephanie Vifian.
Hier geht’s zur Reise nach Scheveningen.




