Kurzer Einblick in einen Kurstag aus Sicht einer Reiseleiterin
Frühmorgens treffe ich meine Reiseleiterkolleginnen und -kollegen bei unserem Partner „Sager-2 Rad AG“ in Emmen. Nach einer kurzen Kaffeerunde und dem netten Austausch untereinander geht es dann gleich los mit dem Reparaturkurs.
Zunächst erhalten wir einen Einblick in die technischen Details der Flyer E-Bikes Gotour und Goroc. Beide Velotypen haben wir jeweils auf unseren Reisen dabei. Und schnell wird klar: Der Unterschied zwischen den beiden Velos könnte nicht grösser sein. Das Gotour-Rad ist ein robustes Citybike mit breiten Reifen, tiefem Einstieg und einer 5-Gang-Nabenschaltung. Während das Goroc-Modell ein 10-Gang-Moutainbike mit Kettenschaltung und hohem Einstieg ist.
Welche Pannen können wir überhaupt unterwegs beheben?
Der Chef von „Sager-2 Rad“, Kewin Jossen, ist unser Kursleiter. Er erklärt uns gleich zu Beginn, welche Pannen wir auf unseren Reisen realistischerweise vor Ort beheben können. Und dazu gehören das Reparieren der Vorder- sowie Hinterreifen bei einem Platten und das erneute Zusammensetzen einer gerissenen Kette.
In den 11 Jahren, die ich für Baumeler als Reiseleiterin arbeite, hatte ich zum Glück noch nie ein anderes Problem. Das liegt wahrscheinlich an der Robustheit der E-Bikes von Flyer, aber auch an der guten Wartung der Velos durch unseren Partner nach jeder Reise. Somit ist ein Speichenbruch praktisch ausgeschlossen. Und ansonsten haben wir noch Reservevelos und einen jederzeit bereiten Chauffeur auf unseren Reisen dabei. So wird jede Reise zu einem sicheren Vergnügen.
Welche Tipps und Tricks gibt es beim Reparieren eines Platten unterwegs?
Beim Reparieren eines Plattens am Vorderrad gehen wir wie folgt vor: Zunächst lösen wir die Schraube in der Nabe, so dass sich das Rad herausnehmen lässt. Dann lösen wir von Hand den Reifen von der Felge, indem wir ihn rundum massieren. Hat sich der Reifen vom Felgen gelöst, nehmen wir ihn mit Hilfe der Reifenheber ab. Achtung: Immer beim Ventil beginnen, den Reifen herauszuheben, da dort der Schlauch am dicksten ist. Beim darauffolgenden Herausnehmen des Schlauches verhält es sich gerade umgekehrt. Das heisst, wir fangen auf der gegenüberliegenden Seite des Ventils an.
Nun empfiehlt es sich, den Reifen komplett von der Felge zu lösen und ihn auf Dornen, Scherben, etc. zu überprüfen. Es sollte nichts Spitzes mehr auf der Innenseite des Reifens spürbar sein. Wenn dem so ist, montieren wir den Reifen mit der richtigen Laufrichtung, diese ist auf jedem Reifen gekennzeichnet, wieder auf das Rad. Einen leicht aufgepumpten neuen Schlauch, den wir immer auf der Reise dabeihaben, legen wir nun in den Reifen hinein. Hier beginnen wir mit dem Einlegen des Schlauches beim Ventil. Ist der Schlauch einmal im Reifen platziert, beginnen wir auf der gegenüberliegenden Seite des Ventils mit dem Anbringen des Reifens. Wir arbeiten uns beidseitig zum Ventil hin. Mit etwas massieren geht der Reifen am Schluss auch ohne Werkzeug, nur mit den Händen, wunderbar über das Rad.
Nun heisst es nur noch pumpen. Dank unseren neuen elektronischen Pumpen von Bosch, genannt „easy pump“, ist das tatsächlich ein Kinderspiel. Wichtig ist, den optimalen Druck zu kennen. Für die Gotour-Räder empfiehlt sich einen Druck von maximal 2,5-3 bar, für die Goroc-Modelle 2-2,5 bar. Kleiner Hinweis: Ist der Reifen weniger gepumpt, ist er anfälliger für einen Platten, jedoch fährt es sich auf Schotter angenehmer. Der Reifendruck ist daher immer ein Abwägen und hängt stark vom Strassenbelag ab. Im Anschluss setzen wir das Rad wieder in die Nabe und ziehen die Schraube wieder an. Fertig ist die Reparatur.
Das Reparieren eines Hinterrades ist ein wenig komplizierter, aber auch da gibt es ein paar Tricks. Beim Goroc mit der Kettenschaltung muss zunächst in den tiefsten Gang (beim Fahren härtester Gang) geschaltet werden, damit beim Herausnehmen des Rades die Kette und der Wechsler nicht im Weg sind. Danach verhält sich die Reparatur wie beim Vorderrad. Ventilschraube und Magnet müssen danach wieder korrekt angebracht werden. Der Magnet dient zur Geschwindigkeitsmessung des Velos.
Bei den Gotour-Velos haben wir eine Nabenschaltung mit einem Riemen anstatt einer Kette. Da das Herausnehmen des Rades hier eher schwierig ist, reparieren wir den Platten direkt am montierten Rad. Dazu benötigen wir eine zweite Person, die das Velo auf dem Ständer zur Seite kippt, sodass das Hinterrad in der Luft hängt. Wir lösen auch hier den Reifen von der Felge und gehen wie oben beschrieben vor. Die einzigen Unterschiede: Der Reifen kann nicht komplett abgenommen werden, und der kaputte Schlauch muss herausgeschnitten und durch einen Reparaturschlauch (Spezialschlauch mit zwei Enden) ersetzt werden.
Eine Anmerkung zu den Scheibenbremsen: Ohne Rad dürfen die Bremsen auf keinen Fall betätigen werden, da sich die Bremsbacken der hydraulischen Scheibenbremse ansonsten komplett zusammenziehen und nur mühsam mit einem Schraubenzieher wieder gelöst werden können, damit die Bremsscheibe wieder dazwischen passt. Zudem ist dann nicht garantiert, dass die Bremsscheibe wieder perfekt zentriert ist. Die Fahrsicherheit bleibt zwar gewährleistet, aber es können unangenehme Geräusche auftreten. In so einem Fall ist es wichtig, dass nach dem Wiedereinsetzen des Rades die Bremse mehrfach betätigt wird, damit sich der hydraulische Druck wieder aufbauen kann – sonst haben wir keine Bremsleistung.
Und warum kann eine Kette reissen? Was gibt es dann zu tun?
Zum Glück kann dies nur bei den Goroc-Modellen passieren. Wenn es vorkommt, liegt es in fast allen Fällen daran, dass das Verhältnis zwischen gewähltem Gang und Motorleistung nicht stimmt. Kritisch wird es vor allem am Hang: Wird zuerst die Motorunterstützung auf die höchste Stufe (High oder Turbo) gestellt und erst am Hang hochgeschaltet, entsteht ein enormer Druck auf die Kette – ein Kettenriss ist dann fast unvermeidlich. Das ist auch ein wichtiger Aspekt der Fahrsicherheit, dazu später mehr.
Für die Reparatur einer gerissenen Kette benötigen wir einen Kettennieter und zwei Kettenschlösser. Zuerst entfernen wir mit dem Kettennieter das beschädigte Glied. Anschliessend setzen wir die beiden neuen Kettenglieder (Kettenschlösser) ein. Durch den Druck beim Treten rasten die Kettenschlösser automatisch ein – und die Fahrt kann weitergehen.
Welche Faktoren beeinflussen die Fahrsicherheit?
Am Nachmittag schwingen wir uns in den Sattel und erfahren gleich in der Praxis, welche Faktoren die Fahrsicherheit beeinflussen. Bevor wir losradeln dürfen, erhalten wir vom Kursleiter einige Hinweise zur Bekleidung. Hell leuchtende Kleidung oder eine Leuchtweste sind wichtig für die Sichtbarkeit. Hinzu kommt ein gutsitzender Velohelm und natürlich eine funktionierende Glocke und Licht am Velo. Auch tagsüber ist das Licht am Velo unerlässlich, in der Schweiz sogar seit 2022 Pflicht.
Als nächstes ist die Beherrschung des E-Bikes an der Reihe. Dazu gehen wir auf einen Parkplatz, wo wir unsere Geschicklichkeit und Balance trainieren. Wir fahren enge Slaloms einhändig, durchqueren Spurgassen und üben das Setzen von Handzeichen mit Blick nach hinten. Enge Kreise und Achten gehören ebenso dazu wie eine Vollbremsung bei 25 km/h.
Eindrücklich dabei ist, dass wir einen viel längeren Bremsweg haben, wenn wir unsere Hände nicht an den Bremsen haben. Bei einer Geschwindigkeit von 25 km/h ist der Bremsweg ohne Bremsbereitschaft aufgrund des Reaktionsweges ganze 18,4 Meter. Bei der gleichen Geschwindigkeit und einer Bremsbereitschaft ist der Bremsweg jedoch nur 4,5 Meter lang. Deshalb empfiehlt es sich, immer die Hände am Lenker zu haben. Der Daumen unterhalb des Lenkers und mindestens zwei Finger auf den Bremsen. Die beste Bremsleistung ergibt sich, wenn wir 2/3 der Bremskraft auf das Vorderrad und 1/3 auf das Hinterrad verteilen. Und wichtig dabei ist, die Räder nicht zu blockieren.
Ein weiterer Faktor bei der Fahrsicherheit ist das richtige Verhältnis von Gang zu Motor. Hierbei ist eine Trittfrequenz von 70 Umdrehungen pro Minute empfehlenswert. So belasten wir den Motor nicht übermässig und es kann auch nicht zu einer gerissenen Kette führen.
Beim Fahren in einer Gruppe ist auch noch zu erwähnen, dass wir genügend Abstand (auf Velowegen mindestens 4 Meter, auf Schotterwegen 5 Meter) zueinander einhalten, nie nebeneinander fahren und auch nicht überholen sollten. Auf Haupt- und Nebenstrassen sollte in Gruppen von maximal 5 Personen gefahren werden. Zwischen den Gruppen sollte eine grosse Lücke von mindestens 50 Metern oder mehr sein, so dass die Autofahrer ohne Probleme überholen können. Und bei unerwartetem Bremsen zuerst Hand hochhalten und laut „Stopp“ sagen, so dass die anderen hinter uns wahrnehmen können, dass sie anhalten möchten.
Wie verhalte ich mich im Verkehr? Kenne ich alle gängigen Verkehrsregeln?
Auch als Velofahrer ist es wichtig, dass wir die Rechtsvortritte beachten und mit klaren Handzeichen den anderen Verkehrteilnehmenden mitteilen, was wir vorhaben. Beim Abbiegen nach links auf einer normalen Strasse gehen wir wie folgt vor: Zuerst werfen wir einen Blick zurück, dann geben wir ein deutliches Handzeichen, spuren daraufhin gegen die Strassenmitte ein, und biegen ohne „Kurvenschneiden“ unter Beachtung des Vortrittsrechts nach links ab.
Weiter ist es immer für die eigene Sicherheit wichtig, dass wir nie in den toten Winkel eines Fahrzeugs fahren. Diese Gefahr besteht vor allem an Rotlichtern und Stoppstrassen. Deshalb bleiben wir immer hinter den Fahrzeugen stehen!
Auch das Kreiselfahren muss geübt werden. Da gehen wir wie folgt vor: Vor dem Kreisel werfen wir einen Blick zurück und setzen danach das Handzeichen. Daraufhin fahren wir in die Mitte des Fahrstreifens, ausser wir verlassen den Kreisel bei der ersten Ausfahrt wieder. Wir fahren in der Mitte des Fahrstreifens, um Konflikte mit überholenden Motorfahrzeugen zu vermeiden. Und auch beim Verlassen des Kreisels setzen wir klare Handzeichen.
Unter Einhaltung all dieser Faktoren kommen wir alle gemeinsam mit viel Vergnügen ans Ziel.
Geschrieben von Gabriela Schenker.
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