Wenn das Licht zurückkehrt
Nach den stillen Wintermonaten spüre ich jedes Jahr aufs Neue diese besondere Vorfreude, wenn der Frühling kommt und ich für Baumeler wieder Reisen nach Griechenland leiten darf. Dann denke ich oft: Jetzt beginnt wieder die schönste Zeit des Jahres. Die Landschaft zeigt sich in sattem Grün, die Hügel sind übersät mit Wildblumen und überall summt und duftet es. Die Luft riecht nach feuchter Erde, die ersten Knospen öffnen sich, Grillen zirpen, und das Meer glitzert, als wüsste es, dass der Frühling begonnen hat.
Wie die Griechen so schön sagen: „Όπου υπάρχει φως, ανθίζει η ζωή – wo Licht ist, blüht das Leben“.
Wenn alles blüht und summt
Wer Griechenland nur vom Sommer kennt, kann kaum glauben, wie grün und fruchtbar das Land im Frühling ist. Auf dem Peloponnes verströmen blühende Orangenbäume ihren süssen Duft, auf Andros hört man die Quellen sprudeln, auf den Hochplateaus von Kreta schimmert hinter den leuchtenden Wiesen der letzte Schnee auf den Bergen. Die Felder auf Limnos sind jedes Jahr mit einem roten Teppich aus Mohnblumen überzogen, auf Zakynthos treiben die Olivenbäume aus, und auf Korfu hängen bereits die kleinen für die Insel so typischen Kumquat-Früchte an den Ästen.
Am Wegrand streifen wir duftenden Thymian, Oregano, Salbei und Rosmarin und entdecken immer wieder neue, prachtvolle Blüten. Ich liebe es, wenn unsere Wanderfreunde stehen bleiben, staunen und sagen: „So habe ich mir Griechenland gar nicht vorgestellt“. Und ich freue mich, wenn ich etwas entdecke, das mir bisher entgangen ist, auch wenn ich den gleichen Weg schon mehrmals gegangen bin.
Begegnungen unterwegs
Frühling bedeutet Neubeginn, nicht nur für die Natur, sondern auch für die Menschen. In den Dörfern öffnen die Tavernen wieder ihre Türen, überall wird geputzt und gestrichen, und plötzlich stehen die bunten Stühle und Tische wieder auf den Plätzen. Kinder spielen auf den Strassen, Katzen räkeln sich im warmen Sonnenlicht, und aus offenen Fenstern tönt Musik. Man sieht strahlende Gesichter und spürt die Freude darüber, dass das Leben wieder draussen stattfindet. Und das Schöne ist: In Griechenland nimmt man sich immer Zeit für einen Schwatz bei einem Kaffee oder einem Ouzo. Wo die Stimmen lauter werden und die Gesten lebhafter, wird bestimmt heftig über Politik diskutiert.
Stille Wege und weite Ausblicke
Beim Wandern zeigt sich Griechenland von seiner schönsten Seite. Die Pfade führen durch Olivenhaine, über duftende Hügel hinauf zu kleinen Kapellen, wo man mit weitem Blick über das Meer belohnt wird. Man hört das Summen der Bienen, das Läuten der Ziegenglocken in der Ferne und manchmal nur den Wind.
Wandern bedeutet für mich weit mehr als nur Bewegung. Man hat Zeit für eigene Gedanken, trifft Menschen, und aus den neuen Begegnungen entstehen oft spontan interessante Gespräche. Von den griechischen Gruppen, mit denen ich früher viel unterwegs war, habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, den Menschen Zeit zu lassen: Zeit, um zu schauen, zu staunen und bewusst wahrzunehmen. Es sind die Momente, die stillen Augenblicke, die in Erinnerung bleiben.
Kulinarische Erlebnisse
Nach einer Wanderung geniessen wir es, in der Taverne an den gedeckten Tisch zu sitzen und die vielen feinen Vorspeisen zu kosten. Ich mag diese griechische Art des gemeinsamen Essens, bei der die Gerichte in die Mitte gestellt werden und jeder von allem probieren kann. Oft bestelle ich auch Speisen, die nicht auf der Karte stehen, weil ich möchte, dass unsere Gäste Spezialitäten probieren, die die Griechen zuhause essen. Dazu gehört selbstverständlich auch der lokale Wein, der in Griechenland oft per Kilo und nicht in Litern bestellt wird.
Die Seele Griechenlands – meine persönlichen Eindrücke
Ich könnte nicht sagen, welche Region oder Insel ich am meisten liebe, denn jede hat ihren eigenen Charakter. Auf der Reise Klassisches Griechenland freue ich mich jedes Mal auf die Wanderung von Delphi nach Kirra. Es ist ein besonderes Gefühl, auf einem antiken Pilgerpfad zu gehen, der seit Jahrtausenden benutzt wird. Auf Andros wandern wir auf alten Verbindungswegen über die Hügel, vorbei an kunstvoll errichteten Steinmauern, die über Generationen hinweg gebaut wurden. Auf Kreta spürt man, wie sehr die Landschaft die Menschen geprägt hat. Abseits der Ferienorte begegnet man im Landesinnern einem ursprünglichen Leben. Der kretische Dialekt klingt manchmal fast wie eine eigene Sprache, und beim Verstehen hilft oft nur ein Gläschen Raki, ein klarer Traubenschnaps, ähnlich dem Grappa, der auf der Insel überall angeboten wird.
Auch Zakynthos und Korfu faszinieren mich immer wieder. Nirgendwo glitzert das Wasser so intensiv türkisblau wie im Ionischen Meer. Die melodische Sprache und das venezianische Flair verleihen diesen Inseln einen besonderen Charme. Und natürlich darf ich „meine“ verschlafene Insel Limnos nicht vergessen. Dort sind wir oft die Attraktion für die Einheimischen, wenn wir mit unseren Wanderschuhen durch die belebten Gässchen von Myrina spazieren und im traditionellen Kafeneion, der ehemaligen Moschee am Hafen, unseren Apéro geniessen. Kaum treten wir ein, ruft schon jemand: „Ah, die Wanderer sind wieder da!“. Die Einheimischen unterbrechen ihr Kartenspiel, rücken zusammen und laden uns freundlich ein, Platz zu nehmen. Wie die Griechen so schön sagen: „Όλοι καλοί χωράνε – es ist immer Platz für gute Menschen“. Bald stehen unsere Getränke und kleine Teller mit Meze auf dem Tisch, und wir fühlen uns sofort willkommen, als gehörten wir für einen kurzen Moment zur Gemeinschaft.
Ein anderes Mal, auf Andros, suchte ich in einem kleinen Laden eine passende Schraube, um einen Wanderstock zu flicken. Der Besitzer suchte eine Weile, bis er eine fand, und als ich bezahlen wollte, winkte er ab: „ Es ist ja nur eine Schraube“, sagte er lächelnd.
Eine meiner schönsten Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung erlebte ich auf Limnos. Ein Teilnehmer war vorausgegangen, und wir wollten uns später im Dorf treffen. Als wir ankamen, erzählte er strahlend, dass er in einem Garten eingekehrt sei und dort Kaffee bestellt habe. Dazu habe er Süssigkeiten und ein Gläschen des selbstgemachten Likörs bekommen. Als er bezahlen wollte, sagte die Frau freundlich, dies sei kein Restaurant, sondern ihr privater Garten, und sie nehme kein Geld.
Diese Herzlichkeit berührte mich tief. Die griechische Gastfreundschaft kennt wirklich keine Grenzen. Eine Frau, die einen müden Fremden in ihrem Garten sitzen sieht, bewirtet ihn spontan mit allem, was sie hat.
Auch von unseren lokalen Busfahrern, die uns jeweils zum Ausgangspunkt der Wanderung bringen, lerne ich immer wieder Neues. Unterwegs beziehe ich sie bewusst mit ein und frage zum Beispiel: „Du bist doch von hier, kennst du einen Strand, der noch schöner ist als der auf unserem Programm? “ oder „Gibt es einen Ort, der unseren Wanderfreunden besonders gefallen könnte? “. Oft zeigen die Chauffeure voller Freude ihre Lieblingsplätze, und wir staunen über Orte, die sonst kaum jemand kennt. Genau diese Kontakte zu den Einheimischen machen für mich den besonderen Reiz des Reisens aus.
Der nächste Frühling kommt bald…
Nach einem langen, erlebnisreichen Tag, wenn das Meer im letzten Licht glitzert und über der stillen Landschaft die Grillen zirpen, denke ich oft an ein griechisches Sprichwort:
„Η άνοιξη δεν κρατά για πάντα, αλλά αφήνει το άρωμά της παντού – der Frühling dauert nicht ewig, aber er hinterlässt seinen Duft überall.“.
Es ist genau dieser Duft, der mich jedes Jahr aufs Neue verzaubert und den ich gerne mit unseren Wanderfreunden teilen möchte. Packt eure Wanderschuhe ein und kommt mit auf eine Reise nach Griechenland, wenn das Licht zurückkehrt und alles neu erwacht.
Geschrieben von Brigitte Georgoudis-Maurer.
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