Zypern – aus einer Reise wurde ein Leben

Ich wollte eigentlich nur eine Weile bleiben

Als ich am 27. März 1982 zum ersten Mal auf Zypern landete, konnte ich nicht ahnen, dass diese Insel einmal mein Zuhause werden würde. Ich war jung, neugierig und arbeitete als Reiseleiterin. Zypern sollte eine weitere Station in meinem Leben sein, ein neues Land, eine neue Saison, ein neues Abenteuer. Aus der Station wurden Jahre, aus den Jahren Jahrzehnte und aus einer Mittelmeerinsel wurde Heimat.

Mehr als vierzig Jahre später fasziniert mich Zypern noch immer. Ich habe inzwischen über hundert Länder bereist und einige der spektakulärsten Orte dieser Welt gesehen. Trotzdem gibt es diese Momente, in denen ich irgendwo auf Zypern sitze, aufs Meer schaue und denke: Wie wunderschön ist es eigentlich hier?

Natürlich hat sich die Insel seit 1982 enorm verändert. Als ich ankam, gab es keine Autobahnen, der Tourismus steckte im Vergleich zu heute noch in den Kinderschuhen und vieles war wesentlich einfacher und improvisierter. Zypern ist moderner, internationaler und geschäftiger geworden. Und trotzdem ist etwas geblieben, das für mich schwer zu beschreiben ist: dieses ganz besondere zypriotische Lebensgefühl.

Das Leben findet draussen statt

Vielleicht liebe ich Zypern auch deshalb so sehr, weil das Leben hier einen grossen Teil des Jahres draussen stattfindet. Ein Kaffee am Meer, ein Mittagessen mit Freunden, ein spontaner Sprung ins Wasser oder ein Abend, der eigentlich nur auf ein Getränk geplant war und irgendwann viele Stunden später endet, das gehört für mich zum zypriotischen Alltag.

Die Sonne verändert die Art, wie wir leben. Man begegnet sich draussen, man redet miteinander und man nimmt sich Zeit. Nicht immer natürlich. Auch auf Zypern gibt es Stress, Termine und Verkehrsstaus. Wir leben schliesslich nicht permanent in einer Ferienbroschüre. Aber es gibt eine gewisse Leichtigkeit. Vielleicht ist es das Meer, vielleicht die Sonne oder die mediterrane Mentalität. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem.

Und dann sind da die Menschen. Zyprioten können unglaublich herzlich und gastfreundlich sein. Wer einmal bei einer zypriotischen Familie zum Essen eingeladen wurde, weiss auch, dass ein einfaches «Nein danke, ich bin satt» nicht unbedingt als endgültige Entscheidung akzeptiert wird. Essen ist Liebe, Gastfreundschaft und Kommunikation zugleich.

Eine kleine Insel mit erstaunlich vielen Gesichtern

Was mich an Zypern bis heute begeistert, sind die Gegensätze. Am Morgen kann ich am Mittelmeer schwimmen und wenig später im Troodos-Gebirge durch einen Kiefernwald laufen. Im Winter kann Schnee auf den Bergen liegen, während an der Küste Menschen schwimmen oder in der Sonne ihren Kaffee trinken.

Es gibt moderne Städte und winzige Bergdörfer, luxuriöse Hotels und kleine Tavernen, archäologische Stätten, byzantinische Kirchen, Klöster, Weinberge, Wälder und kilometerlange Küsten. Und überall begegnet einem Geschichte. Manchmal vergessen wir, was direkt vor unserer Haustür liegt. Vielleicht ist das ganz menschlich. Wir fliegen um die halbe Welt, um etwas Besonderes zu entdecken, während wir die Schönheit des eigenen Zuhauses kaum noch wahrnehmen. Deshalb versuche ich immer wieder, meine Insel mit den Augen einer Reisenden zu betrachten.

Zypern zu Fuss entdecken

Das Wandern hilft mir dabei. Ich wandere nicht, um Rekorde zu brechen oder möglichst viele Kilometer auf einer App vorweisen zu können. Ich wandere, weil ich draussen sein möchte und weil ich dabei Seiten Zyperns entdecke, die man aus dem Auto niemals sieht.

Eine meiner liebsten Regionen ist die Akamas-Halbinsel. Auf dem Aphrodite Trail öffnet sich irgendwann der Blick auf dieses unglaublich blaue Mittelmeer, und egal wie oft ich dort bin, ich bleibe stehen.

Ein völlig anderes Zypern finde ich im Troodos-Gebirge. Der Artemis Trail führt rund um den Olymp durch Kiefernwälder und vorbei an jahrhundertealten Wacholderbäumen. Besonders im Sommer liebe ich es, von der heissen Küste in die kühle Bergluft zu fahren. Und natürlich gehört zu einer ordentlichen Wanderung auch eine Taverne. Schliesslich müssen die verbrannten Kalorien wieder ersetzt werden. Ich nehme diese Verantwortung ausgesprochen ernst.

Zwischen Schweizer Ordnung und zypriotischem «Siga Siga»

Nach so vielen Jahren auf Zypern bin ich vermutlich eine interessante Mischung geworden. Die Schweizerin in mir liebt Pünktlichkeit, Organisation und Dinge, die funktionieren. Die Zypriotin in mir hat gelernt, dass nicht jede kleine Katastrophe tatsächlich eine Katastrophe ist. «Siga siga», langsam, langsam ist mehr als ein Ausdruck. Manchmal ist es eine Lebensphilosophie.

Natürlich kann mich diese Philosophie auch nach über vierzig Jahren gelegentlich zur Verzweiflung bringen. Aber vielleicht habe ich gerade auf Zypern gelernt, dass nicht alles kontrolliert werden muss und dass Plan B manchmal viel interessanter wird als Plan A. Diese Mischung aus zwei Kulturen empfinde ich heute als Geschenk. Die Schweiz hat mich geprägt, Zypern ebenfalls. Ich muss mich nicht mehr entscheiden, welche Heimat die «richtige» ist.

Die Insel, auf der mein Leben geschah

Denn Zypern ist für mich längst viel mehr als eine Destination. Hier ist mein Leben passiert. Hier habe ich gearbeitet, mich verliebt, geheiratet und meine Kinder grossgezogen. Hier habe ich Freundschaften geschlossen, Menschen verloren, gefeiert, geweint, beruflich immer wieder neu angefangen und mich selbst immer wieder neu erfunden. Vielleicht braucht es manchmal die Distanz, um zu erkennen, wie sehr ein Ort zu einem gehört. Ich reise nach wie vor leidenschaftlich gerne. Aber wenn mein Flugzeug auf dem Rückweg Zypern erreicht und ich unter mir die vertraute Küste sehe, passiert etwas. Ich komme nicht einfach an. Ich komme nach Hause.

Zwei Heimaten statt keiner

Ich bin Schweizerin und Zypriotin, und beide Länder gehören zu mir. Wenn ich in der Schweiz bin, liebe ich die Berge, die Seen, die Landschaft meiner Kindheit und natürlich eine gewisse wunderbare Schweizer Ordnung. Wenn ich auf Zypern bin, liebe ich das Meer, die Sonne, die Spontaneität und dieses manchmal herrlich chaotische mediterrane Leben. Früher dachte ich, Heimat müsse ein bestimmter Ort sein. Heute sehe ich das anders. Heimat besteht aus Menschen, Erinnerungen, Gerüchen, Geräuschen und diesem schwer erklärbaren Gefühl der Vertrautheit. Man kann mehr als eine Heimat haben, ohne dass die eine der anderen etwas wegnimmt. Vielleicht ist das sogar eines der grössten Geschenke meines Lebens: Ich darf zwei Länder Heimat nennen.

Und noch immer gibt es etwas zu entdecken

Nach über vierzig Jahren könnte man meinen, ich hätte Zypern inzwischen vollständig entdeckt. Zum Glück stimmt das nicht. Noch immer finde ich ein Dorf, in dem ich lange nicht war, eine kleine Taverne, einen unbekannten Weg, eine Kirche irgendwo im Nirgendwo oder einen Aussichtspunkt, an dem ich stehen bleiben muss. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mich auf dieser Insel noch immer wohlfühle. Zypern erinnert mich daran, neugierig zu bleiben.

Ich kam 1982 mit einem Koffer hierher und dachte, ich würde eine Zeit lang auf dieser Insel arbeiten. Ich konnte damals nicht wissen, dass ich hier mehr als vier Jahrzehnte später noch immer leben, lieben, arbeiten, wandern, schwimmen, lachen und neue Geschichten sammeln würde.

Ich dachte, Zypern sei eine Station auf meiner Reise. Dabei wurde Zypern ein grosser Teil meiner Reise durchs Leben.

Geschrieben von Elisabeth Villiger Toufexis

Hier geht es zu unseren Wanderreisen auf Zypern.